Badem. Die Ernte 2026 fällt in Rheinland-Pfalz insgesamt besser aus, als es die ungewöhnlich trockene und heiße Witterung zunächst erwarten ließ. Vor allem Wintergerste, Winterweizen und Raps liefern vielerorts überdurchschnittliche Erträge und ordentliche Qualitäten. Gleichzeitig geraten die Betriebe wirtschaftlich unter Druck: Niedrige Erzeugerpreise stehen deutlich gestiegenen Kosten für Treibstoff, Dünger und Arbeit gegenüber. Das machten in der ersten gemeinsamen Erntepressekonferenz der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Marco Weber, und der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd, Ökonomierat Eberhard Hartelt, beim Landhandelsunternehmen Raiffeisen Rhein-Ahr-Eifel in Badem deutlich. Über 50 Gäste aus Politik, Landwirtschaft und Medien besuchten die Erntepressekonferenz der beiden Verbände.
Auch wenn Gewitterschauer in einigen Regionen noch das Schlimmste verhindert haben, kamen die Präsidenten, gemeinsam mit den Ausschussvorsitzenden für Pflanzliche Produktion Harald Schneider und Gerold Füge darin überein, dass die Landwirte sowohl mit den Ernteergebnissen als auch mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht zufrieden sein können.
Weber: „Die Getreideernte lässt zu wünschen übrig, jetzt steht der Mais außerordentlich schlecht. Wenn es nicht bald regnet, müssen sich die Betriebe auch noch Sorgen über die Futtergrundlage ihrer Betriebe machen.“ Die Gesellschaft müsse zur Kenntnis nehmen, dass die Landwirtschaft dringend Unterstützung benötige. Tankrabatte, Mindestlohn oder Minijobs, die Politik dürfe den ohnehin hohen Druck auf die Betriebe nicht noch zusätzlich erschweren. Es sei an der Zeit, endlich Farbe für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum zu bekennen und die Forderungen des Berufsstandes umzusetzen und die landwirtschaftlichen Betriebe zu schützen. Das gelte auch für unsere Biogasanlagen. Überall in Europa werde die grundlastfähige Biogasproduktion ausgebaut, während in Deutschland noch nicht einmal die vorhandenen Anlagen geschützt würden. Stattdessen würden landwirtschaftliche Flächen für Photovoltaikanlagen der Nahrungsmittelerzeugung entzogen. Das sei nicht nachvollziehbar. Hier müsse dringend eine Kehrtwende erfolgen.
Der BWV-Präsident Marco Weber kritisierte die geringe Wertschätzung des heimischen Getreides scharf. Über alle Getreidearten hinweg würden sich die aktuellen Erzeugerpreise um mehr als die Hälfte unter dem Niveau der Ernte 2022 bewegen. Das könne angesichts der enorm gestiegenen Betriebsmittelpreise kein Betrieb in Rheinland-Pfalz und Deutschland kompensieren. Auch die Tierhalter würden unter Tiefpreise für Fleisch und Milch leiden. Politik und Gesellschaft müssten für Entlastungen sorgen.
Der Präsident des BWV Rheinland-Pfalz Süd, Eberhard Hartelt, bedauerte, dass die Menschen im Land kaum mehr die Auswirkungen des Klimawandels auf die Nahrungsbereitstellung wahrnehmen würden. Obwohl der Bedarf an Obst und Gemüse nicht einmal mehr zu 30 Prozent aus deutscher Produktion abgedeckt werden könne, werde der Eindruck erweckt, dass alles reichlich vorhanden sei. Dabei werde die landwirtschaftliche Produktion, auch im Vergleich mit fast allen anderen Staaten in der Welt, immer weniger konkurrenzfähig. Folglich werde der Selbstversversorgungsgrad in allen Produktionsbereichen stetig abnehmen. Das sei in Krisenzeiten sehr gefährlich und werde gesellschaftlich völlig unterschätzt.
Das natürlichen Flächenbedarfsgesetz und Planungsbeschleunigungsgesetze würden mit überragendem öffentlichen Interesse begründet, so Hartelt. Die Politik müsse sich die Frage gefallen lassen, ob die Landwirtschaft und die Lebensmittelüberzeugung dem überragenden öffentlichen Interesse nicht unterliegen würden. Schließlich sei die Ernährung der Menschen im Land von großer Bedeutung.
Hartelt sieht zwischen Landwirtschaft und Naturschutz keine Konkurrenz. Am Ende könnten die Flächenkonkurrenz reduziert und die Artenvielfalt bei gleichzeig hohem Schutzpotential für die landwirtschaftlichen Kulturen umgesetzt werden.
Der Vorsitzende des Fachausschusses für Pflanzliche Erzeugung und Erneuerbare Energien, Harald Schneider, forderte die Politik auf, die Ernährungssicherheit endlich ins Grundgesetz aufzunehmen. In der Diskussion um die künftige Ausgestaltung der Roten Gebiete brach er eine Lanze für verursacherorientierte Lösungen. Es müsse Schluss damit sein, in den Roten Gebieten faktisch nur Futtergetreide anbauen zu können, während Deutschland Brotgetreide aus Nordafrika importiere.
Menschen, die arbeiten wollten, dürften nicht beschnitten werden. Er erwarte sich von der Landesregierung, dass sie sich in Berlin für den Erhalt der Minijobs einsetze. Außerdem dürfe der Landwirtschaft diese Möglichkeit Arbeitswillige anzustellen nicht genommen werden.
Erntesituation und wirtschaftliche Entwicklung
Das Frühjahr war mit durchschnittlich 2,7 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Seit Februar blieb der Niederschlag in jedem Monat unter dem Durchschnitt. Im Frühjahr fielen nur rund 124 Liter je Quadratmeter statt der üblichen 191 Liter. Das setzte sich bis zur Ernte fort, sodass Hitze und Trockenheit die Abreife beschleunigten und die Getreideernte bereits um die Monatswende Juni/Juli begann. Die trockene Witterung führte außerdem zu einer außergewöhnlich kompakten Ernte. Früh- und Spätdruschgebiete waren vielerorts nahezu gleichzeitig erntereif. Das erschwerte regional die Erfassung durch den Landhandel und führte zusammen mit den niedrigen Erzeugerpreisen teilweise zu Hoflagerungen.
Erfreulich zeigt sich die Wintergerste. Sie konnte von der Winterfeuchte profitieren und reifte unter den trockenen Bedingungen zügig ab. Ertrag und Qualität liegen über dem Durchschnitt. Belastend wirken die rückläufige Nachfrage nach Futtergerste, volle Lager und anhaltende Importe. Top aktuell steigen die Preise aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzung am Schwarzen Meer und der Beschädigung von Hafenanlagen.
Schwieriger ist die Lage bei der Sommerbraugerste. Viele Bestände sind dünn und konnten Hitze und Trockenheit nicht ausgleichen. Vor allem in den Höhenlagen bleiben die Vollkornanteile häufig zu niedrig. Bessere Ergebnisse werden an der Nahe sowie in Rheinhessen und der Pfalz erwartet. Früh gesäte Bestände und die im Herbst ausgesäte sogenannte „Martinsgerste“ profitierten von der Winterfeuchte. Regional sind Erträge um sechs Tonnen je Hektar möglich. Mit rund 175 Euro je Tonne bleibt der Preis dennoch schwach; volle Lager bei den Mälzereien schränken die Vermarktung ein.
Beim Winterweizen, mit rund 106.000 Hektar die wichtigste Marktfrucht des Landes, fällt die Bilanz überwiegend positiv aus. Je nach Region werden sieben bis zehn Tonnen je Hektar erwartet. Auf leichteren Böden hat die Frühjahrstrockenheit die Bildung von weiteren Trieben geschwächt, vielerorts stimmen Ertrag und Qualität dennoch. Regional führte die Hitze während der Kornfüllungsphase jedoch zu einer verkürzten Kornfüllung und niedrigeren Tausendkorngewichten. Die Eiweißgehalte liegen meist um zwölf Prozent, die Hektolitergewichte vielfach über 80 Kilogramm. Wirtschaftlich bleibt die Situation angespannt: Qualitätsweizen erzielt aktuell etwa nur 190 Euro je Tonne, Backweizen rund 180 Euro.
Roggen und Triticale bleiben wirtschaftlich schwierig. Roggen wird bei Preisen um 150 Euro je Tonne zunehmend zum Nischenprodukt. Triticale erzielt zwar durchschnittliche Erträge, wird aber nur auf Futtergerstenniveau bezahlt und deshalb verstärkt als Ganzpflanzensilage oder für Biogasanlagen genutzt.
Sehr erfreulich entwickelt sich der Raps. Die Anbaufläche ist um sieben Prozent auf rund 46.000 Hektar gestiegen. Die trockene Witterung hielt Unkräuter, Pilzkrankheiten und Schädlinge weitgehend zurück. Auf frühen Standorten sind vier Tonnen je Hektar keine Seltenheit, auch die Ölgehalte von 42 bis 45 Prozent überzeugen. Aktuell steigen die Preise auf über 500 Euro je Tonne. Weber warb deshalb für stärkere Vermarktungspartnerschaften zwischen Landwirten und Handel.
Sorge bereitet dagegen der Mais. Seine Entwicklung ist regional extrem unterschiedlich. In Teilen der Eifel, des Westerwaldes und der Südpfalz profitierten die Bestände zunächst von Gewitterschauern. Auf leichten Böden am Oberrhein, in der Vorderpfalz und in Rheinhessen zeigen sich dagegen deutliche Trockenschäden. Hohe Temperaturen und Wassermangel begrenzen zunehmend das Ertragspotenzial. Zwischen guten und stark gestressten Beständen liegen teilweise nur wenige Kilometer. Entscheidend sind nun zeitnahe Niederschläge. Bleiben diese aus, drohen beim Silomais erhebliche Ertrags- und Qualitätseinbußen für die Futterversorgung der Viehbetriebe. Gleichzeitig könnten geringere Körnermaiserträge die Verfügbarkeit heimischer Futtermittel weiter einschränken.
Auch Kartoffeln leiden unter der Hitze. Auf bewässerbaren Flächen waren die Bedingungen zuletzt günstig, nicht bewässerte Bestände zeigen teils deutliche Einbußen. Bei Frühkartoffeln werden überwiegend 25 bis 35 Tonnen je Hektar erreicht, trockengeschädigte Flächen bleiben deutlich darunter. Regional verschärft zudem starker Drahtwurmbefall die Situation, wodurch ein Teil der Ernte nicht mehr vermarktungsfähig ist. Die Preise sind seit Mitte Juni von mehr als 500 auf rund 430 Euro je Tonne gefallen.
Beim Dauergrünland brachte der frühe erste Silageschnitt vielerorts gute Mengen und Qualitäten. Mehr als 50 Dezitonnen Trockenmasse je Hektar waren keine Seltenheit. Auch der zweite Schnitt fiel regional noch ordentlich aus, während flachgründige Böden schwächer abschnitten. Die anhaltende Trockenheit führte jedoch zu deutlichen regionalen Unterschieden. Während in einigen Regionen ein dritter Schnitt noch möglich war, blieb er insbesondere im Süden des Landes aufgrund ausgetrockneter Bestände vielfach aus.
Im Weinbau sind die Reben weit entwickelt, der Gesundheitszustand der Trauben ist bislang gut. Ein früher Lesebeginn Anfang bis Mitte September zeichnet sich ab. In jungen Anlagen und flachgründigen Steillagen nehmen jedoch die Trockenstress-Symptome zu. Bleibt der Regen aus, könnten Menge und Qualität leiden. Hinzu kommt eine schwierige Marktlage mit häufig nicht kostendeckenden Fassweinpreisen. Besonders gefährdet ist nach Einschätzung des BWV die arbeitsintensive Steillagen-Weinkulturlandschaft.
Im Obstbau ergibt sich ein gemischtes Bild. Bei Äpfeln wird eine mittlere Ernte erwartet, allerdings verursachen Sonnenbrandschäden Ausfälle und zusätzliche Sortierarbeit. Süßkirschen brachten gute Erträge, litten jedoch unter Importdruck. Zwetschen präsentieren sich bislang gut, könnten bei anhaltender Trockenheit jedoch Früchte abwerfen. Erdbeeren erzielten im geschützten Anbau überwiegend gute Ergebnisse, während Freilandbestände durch Pilzkrankheiten und Sonnenbrand beeinträchtigt wurden.
Für Weber und Hartelt zeigt die Ernte 2026 damit ein vielfältiges Bild: Auf vielen Flächen stimmen Erträge und Qualitäten, doch die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt. „Akzeptable Ernten allein sichern noch kein Einkommen“, betonten die Präsidenten beider Verbände. Stark gestiegene Betriebsmittel- und Lohnkosten träfen auf Erzeugerpreise, die teilweise auf dem Niveau von vor 2020 lägen. Notwendig seien faire Wettbewerbsbedingungen, verlässliche politische Rahmenbedingungen und eine stärkere Marktposition der heimischen Betriebe.