Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

24.01.2018 - Interview mit Norbert Schäfer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Obstbau

Norbert Schäfer

Die Zukunft des Kompetenzzentrums für Obstbau in Klein-Altendorf (KoGa)

Das Interview führte Herbert Knuppen

Bonn. Vor einem Jahr wurde dem Berufsstand offiziell mitgeteilt, dass der Pachtvertrag des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum in Klein-Altendorf nicht verlängert wird und somit der Versuchs-, Beratungs- und Schulungsstandort in Bedrängnis gerät. Zum aktuellen Stand fragten wir Norbert Schäfer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Obstbau im Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau und stellvertretender Bundesvorsitzender der Fachgruppe Obstbau.

Wie ist der aktuelle Stand zum Erhalt des Obstbauversuchsstandortes Klein-Altendorf?

Die Obstbauern aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kämpfen mit allen Kräften um den Erhalt des Beratungs- und Versuchsstandortes Klein-Altendorf, genauso wie um den Erhalt des Steinobstversuchsstandortes Oppenheim und um die Beibehaltung und Stärkung des Beerenobstversuchsstandortes Auweiler. Wir benötigen alle drei Standorte für die Zukunftssicherung unserer Betriebe, denn auf allen drei Standorten werden die wichtigen Versuchsfragen behandelt, die sich mit nachhaltigen Lösungen der elementaren Fragen unserer Obstbaubetriebe beschäftigen. Um es klar zu sagen, es geht hier bei weitem nicht nur um Kernobst, sondern um ein Netzwerk von Standorten, auf denen genau die fachlichen Grundlagen erarbeitet, entwickelt und gesammelt werden, die wir Obstbaubetriebe benötigen, um erfolgreich wirtschaften zu können. Wenn beispielsweise ein Betriebsleiter eines Apfel- oder Steinobstbetriebes in Rheinland-Pfalz den Entschluss fasst, in den geschützten Himbeeranbau einzusteigen, so stand ihm bisher das geballte Fachwissen des Beerenobstversuchsstandortes Auweiler zur Verfügung. Auch sind die Berater, ebenso wie in Klein-Altendorf und Oppenheim, europa- und weltweit vernetzt und sorgen somit für eine bestmögliche Beratungsbasis.

Der Rechnungshof war der Auffassung, dass die meisten Versuche in Klein-Altendorf für die Praxis nicht interessant wären!

Der Rechnungshof hat einfach nur behauptet, dass die Versuche nicht auf praxisbezogene Fragestellungen eingehen würden. Er hat aber dafür keinerlei Argumente, Beweise und Begründungen aufführen können. Darüber hinaus wurde seitens des Rechnungshofes kein einziger Obstbauer befragt. Von diesem Bericht geht die Gefahr aus, dass solche vollkommen ungerechtfertigten Aussagen sogar die Schließung eines weiteren Standorts, nämlich Oppenheim, zur Folge haben könnte. Wenn der länderübergreifende Kooperationsvertrag aus rheinland-pfälzischer Perspektive nicht fortgesetzt wird, geht mittelfristig die gesamte obstbauliche Beratungs- und Versuchsgrundlage in Rheinland-Pfalz einschließlich des Obst-Ökoanbaus und sogar die Fachschule für Obstbau verloren. Die Schließung des Steinobstversuchsstandortes Oppenheim wäre lediglich ein weiterer Schritt. In Rheinland-Pfalz vertritt ein kleiner aber einflussreicher Verwaltungsbereich die Meinung, dass man bei der jetzigen Finanzierung des Versuchswesens in Klein-Altendorf übervorteilt wäre und bei der zukünftigen Vertragsgestaltung Nordrhein-Westfalen weitaus stärker in die Verantwortung nehmen müsse. Diese Forderung wurde vorher weder in den KoGa-Gremien noch mit den Verbänden diskutiert. Diese Ansicht wird von den Leuten vertreten, die vor Jahren die bisherigen Verträge mit der Universität Bonn und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen ausgearbeitet haben. Damals wurde das Angebot der Landwirtschaftskammer Rheinland im Bereich Beerenobstversuchswesen angemessen und objektiv gewürdigt. In gutem Glauben an die Vertragsinhalte und Vertragstreue hat die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen daraufhin ihr Kernobstversuchswesen in Auweiler aufgegeben.

Sind solche Konzentrationsprozesse nicht auch sinnvoll?

Oberflächlich betrachtet, sieht das erst einmal danach aus. Es lässt sich in der Öffentlichkeit und der Politik als Sparmaßnahme verkaufen. Aber das jetzt bestehende länderübergreifende Projekt ist sowohl wirtschaftlich wie konzeptionell nicht zu überbieten, denn es belässt die Fachstandorte im Zentrum des jeweiligen Anbaus, in dem sie fachlich mit den jeweiligen Obstbauern verwurzelt sind. Das ist gleichermaßen kostensparend wie effizient für beide Bundesländer und es ist vor allem sehr erfolgreich. Die Standorte sind genau an den Hotspots angesiedelt, wo der Obstbau „lebt“. Außerdem generiert die Zusammenarbeit der rheinland-pfälzischen Obstbauverwaltung mit der Universität Bonn, der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und dem Forschungszentrum Jülich Synergieeffekte, die in Deutschland einmalig sind.

Welche Bereiche stehen im Bericht des rheinland-pfälzischen Rechnungshofs besonders in der Kritik?

In diesem Bericht wird alles, was nicht zu den Fachbereichen Pflanzenschutz und Düngung gehört, als mehr oder weniger überflüssig gebrandmarkt. Viele Obstbauern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wissen und erfahren es immer wieder, dass auf dem Standort Klein-Altendorf eine Vielzahl von Versuchsfragen mit Sortenfragen, Bodenfruchtbarkeit, Düngung und Blattdüngung bearbeitet werden, mehr als auf den meisten anderen Versuchsstandorten Europas. Das kann dem Rechnungshof bei seiner Prüfung vor Ort nicht verborgen geblieben sein. Deswegen halte ich das Urteil einfach nicht für seriös. Im Übrigen besteht seit ca. 15 Jahren eine landesweite Übereinkunft, dass Versuche zum chemischen Pflanzenschutz schwerpunktmäßig am Standort Neustadt und nicht in Klein-Altendorf durchgeführt werden sollen. Nun wird gerade diese sinnvolle Übereinkunft dem Standort Klein-Altendorf nachteilig angelastet.

Wie sind die Versuchsfragen zur Kulturführung zu bewerten?

Nach Meinung des Landesrechnungshofes sind Versuche im Bereich des ökologischen Obstbaus, über Frostschutzverfahren oder Hagelschutzsysteme bzw. die intensive Prüfung von resistenten Sorten und Unterlagen und deren Bearbeitung, also Themen, die für die Obstbauern existenziell sind, überflüssig. Bedauerlicherweise hat sich die Politik mit ihrer Entscheidung, das Mietverhältnis für das KoGa auslaufen zu lassen, dieser Auffassung angeschlossen. In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Umweltschutz immer höher angesiedelt und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln immer kritischer betrachtet wird, können wir Obstbauern nur dann wirtschaftlich überleben, wenn unsere Produktionsverfahren beim Konsumenten auf breite Akzeptanz stoßen. Diesen Anforderungen wurden wir bisher gerecht, indem wir vermehrt umwelt- und ressourcenschonende Kulturverfahren anwenden. Daher schätzen alle Obstbauern die in Klein-Altendorf und Oppenheim geleistete Arbeit. Hervorzuheben ist die weitsichtige Konzeption der angelegten Versuchsreihen. Hierzu möchte ich folgende Beispiele nennen: Die Bekämpfung der Bodenmüdigkeit mit nichtchemischen Verfahren, die Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen mit Hilfe resistenter aber gleichzeitig marktfähiger Sorten und Unterlagen, das Kupferminimierungsprogramm und darüber hinaus die Behebung von klimawandelbedingten Ertragsschwankungen mit Hilfe von Hagel-, Frost- und Sonnenbrandschutzverfahren.

Was halten Sie davon, die Versuche zu privatisieren?

Unsere Konsumenten haben ein außerordentlich hohes Interesse an einer regionalen, nachhaltigen und umweltschonenden Produktion von Lebensmitteln, bei der Pflanzenschutzprobleme mit immer weniger Chemie gemeistert werden sollen. Diesen gesellschaftspolitischen Prozess sehe ich als unumkehrbar. Dem müssen sich die Obstbauern stellen und das tun wir ja auch. Wir benötigen hierfür aber eine fundierte Aus -und Weiterbildung sowie einen kontinuierlichen und globalen Informationstransfer. An den dazu notwendigen Versuchsanstellungen sind naturgemäß weder die Industrie noch sonstige private Träger interessiert. Wir können sie auch nicht in unseren Betrieben durchführen. Diese Versuche stehen nach unserer Auffassung jedoch in höherem öffentlichem Interesse als beispielsweise klassische Pflanzenschutzmittelprüfungen. Deshalb findet die Versuchsarbeit in Klein-Altendorf eine so hohe Anerkennung, sowohl bei Obstbauern als auch Verbrauchern. Und plötzlich, ohne Hinweis und Vorwarnung, soll dies alles verkehrt sein und die Uhr soll - fachlich betrachtet - per Entscheid von oben um 50 Jahre zurückgestellt werden.

Sie haben das klassische Pflanzenschutzversuchswesen angesprochen. Welche Bedeutung messen Sie in Zukunft den Versuchen im Bereich Pflanzenschutz zu?

Zweifelsohne besteht auch in Zukunft ein hoher Bedarf an Pflanzenschutzversuchen, allerdings nicht mehr ausschließlich im Bereich des chemischen Pflanzenschutzes. Die restriktiven Zulassungssituationen lassen das gar nicht mehr zu, auch schwindet die gesellschaftliche Akzeptanz dafür immer mehr. Wir müssen in Zukunft zur Lösung von Pflanzenschutzproblemen auf alternative, nachhaltige, kulturtechnische Verfahren bauen oder versuchen geringere Mengen an Chemie einzusetzen. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass ein Kerngeschäft des Pflanzenschutzversuchswesens, nämlich die Zulassungsprüfung, weitgehend von privaten Anbietern übernommen wurde.

Sind Sortenprüfungen noch wichtig?

Diese Frage beschäftigt uns seit der Veröffentlichung des Rechnungshofberichtes. Die fachliche Leitung des DLR Rheinpfalz scheint da ähnliche Meinungen zu vertreten wie der Rechnungshof. Wie auch immer, hier mangelt es an der fachlich richtigen Einstufung. Die wichtigste betriebswirtschaftliche Kennzahl ist und bleibt der Hektarerlös. Der steht und fällt mit dem Ertrag und den Preisen. Hierfür ist selbstverständlich die richtige Wahl der Sorten in einem Betrieb wesentlich verantwortlich. Auf diese legt sich der Betrieb nun einmal für 15 bis 20 Jahre fest. Die Sortenauswahl muss stimmen, sonst nützt die beste Düngungs-und Pflanzenschutzstrategie wenig. Gleichrangige Bedeutung hat die umweltverträgliche Produktion, die wiederum stark von der Sortenwahl abhängt. Die richtige Wahl der Sorten erhöht die Akzeptanz unserer Produktion beim Verbraucher, sie ermöglicht die Einsparung von Pflanzenschutzmitteln und den eventuellen Umstieg in den ökologischen Anbau. Daher steht eine sorgfältige, objektive Sortenprüfung, weder bei den Obstbauern, noch bei den Vermarktern zur Debatte, sondern sogar sehr hoch im Kurs.

Sortenwahl: Welche Bedeutung hat dabei die Versuchsstation Klein-Altendorf?

Neutrale Informationen über Sorten sind ein Werkzeug im Wettbewerb der Anbaugebiete geworden. Wir stehen im europäischen Apfelanbau sowohl im Integrierten wie auch im Ökoanbau vor einer grundlegenden Sortimentsumstellung. Deren Erfolg oder Misserfolg wird über die Zukunft der Obstbauregionen mitentscheiden. In Deutschland bzw. im Rheinland sind wegen des Russlandembargos unsere Hauptsorten Jonagold und Braeburn nicht mehr kostendeckend anzubauen. Südtirol rüstet mit sehr viel Geld gewaltig im Bereich spät reifender Clubsorten auf. Jeder dritte Apfel in Europa wird mittlerweile in Polen produziert, und zwar zu sehr viel niedrigeren Produktionskosten. Diese Produktionswalze an hochpreisigen Exklusivsorten, wie z.B. Pink Lady einerseits und an Billigware andererseits, bedroht die wirtschaftliche Existenz unserer Absatzgenossenschaften und Betriebe. Dafür gibt es keine klassischen regionalen Lösungen mehr. Wir müssen hin zu gemanagten neuen Sorten, die einerseits den Ansprüchen der folgenden Verbrauchergeneration gerecht wird und die möglichst umweltschonend produziert werden können. Die Sortenprüfung erfolgt sowohl für die Ökobetriebe wie auch für die integriert wirtschaftenden Obstbaubetriebe im Rahmen nationaler Netzwerke. Das organisiert die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau (Föko) für die Ökobetriebe und das Deutsches Obstsorten Konsortium (DOSK) für die konventionellen, genossenschaftlich vermarktenden Betriebe. Klein-Altendorf ist dabei ein sehr wichtiger Standort für die Betriebe im westdeutschen Raum. Eine erfolgreiche Sortenpolitik können wir in Zukunft nur gemeinsam gestalten. Für die dafür erforderlichen Strukturen müssen wir kämpfen!

Was erwarten Sie von der Politik in Rheinland-Pfalz?

Ich erwarte von den politischen Entscheidungsträgern, dass sie erkennen, welcher nachhaltige Schaden durch die Kündigung dieses Ländergrenzen übergreifenden Vertrags für den Obstbau, aber auch für das Ansehen der Landesregierung entsteht. Ein Ansatz sind moderierte Verhandlungen in speziellen Gremien. Wir werden dort unsere ganze praktische Erfahrung und Betroffenheit einbringen. Es gibt keine fachliche Begründung zur Auflösung des Standortes Klein-Altendorf. Meines Erachtens sollte die Politik und die Verwaltung aufpassen, dass uns unsere bisherigen Partner nicht möglicherweise „von der Fahne“ gehen und Allianzen mit anderen Einrichtungen eingehen und somit Rheinland-Pfalz zu einer obstbaulichen „Beratungswüste“ machen. Deshalb bin ich sehr erfreut, dass sich die Staatssekretäre der Landwirtschaftsministerien von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, Andy Becht und Dr. Heinrich Bottermann bei einem gemeinsamen Gespräch Anfang Januar für eine konstruktive Zusammenarbeit beider Länder im Sinne des Obstbaus ausgesprochen haben. Das war ein klares Bekenntnis zum Obstbauversuchs-, Beratungs- und Bildungsstandorten Klein-Altendorf und somit auch für Oppenheim. Als ein weiteres Zeichen für eine diesbezüglich positive Entwicklung würde ich eine zeitnahe und vollumfängliche Wiederbesetzung der Stelle des Leiters des Versuchsbetriebes Klein-Altendorf mit Spezialberatung Kernobst an diesem Standort sehen.