Marco Weber Fruehjahr 2024 Homepage 1 1024x782
BWV-Präsident Marco Weber, Foto: BWV

Grußwort zum Erntedank

Liebe Bäuerinnen und Bauern, Winzerinnen und Winzer,
liebe LandFrauen und Landjugendliche,

Wenn wir Erntedank feiern, halten wir inne. Hinter uns liegen Monate angefüllt mit Arbeit, Entscheidungen, Sorgen und Hoffnungen. Erntedank erinnert uns daran, dass das, was auf unseren Feldern, in Weinbergen, Obstplantagen und Ställen entsteht, das Ergebnis unserer Arbeit ist. Die Ernte 2026 hat uns erneut gezeigt, wie unterschiedlich ein Jahr verlaufen kann. Der Winter war vielerorts vergleichsweise mild und niederschlagsreich bis weit in das Frühjahr hinein. Die anschließende Trockenheit, regionale Wasserdefizite und später eine anhaltende Hitzephase haben die Bestände gefordert. Folglich startete die Getreideernte überdurchschnittlich früh.

Insgesamt wurde in Rheinland-Pfalz bei Getreide das langjährige Mittel nur knapp verfehlt, doch dieser Durchschnitt verdeckt große regionale und betriebliche Unterschiede. Wo rechtzeitig durch Gewitterschauer Niederschläge fielen und die Böden Wasser aufnehmen konnten, waren ordentliche Ergebnisse möglich. In anderen Landstrichen machten durchgehende Trockenheit und Hitze den Kulturen erheblich zu schaffen. Speziell beim Mais und bei der Grundfutterversorgung zeigt sich, wie empfindlich unsere Landwirtschaft und gerade die Tierhaltung auf lange Trockenphasen reagiert.

Auch im Weinbau war das Jahr ereignisreich. Die frühe Lese oft sehr guter Qualitäten lassen auf einen qualitativ hochwertigen Jahrgang hoffen. Doch ein gutes Produkt im Keller ist noch keine Garantie für ein gutes wirtschaftliches Ergebnis. Markt, Kosten und Absatz entscheiden ebenso darüber, ob sich die Arbeit eines Jahres rechnet. Das erfahren in diesem Jahr viele unserer Winzer leidlich. Wir können auf eine Ernte dankbar zurückblicken und gleichzeitig nüchtern feststellen, dass die wirtschaftliche Situation vieler Betriebe angespannt bleibt.

Weiter steigende Kosten

Unsere Betriebe sind mit hohen und oft weiter steigenden Kosten konfrontiert. Diesel bleibt ein bedeutender Kostenfaktor. Die vollständige Wiedereinführung der Agrardieselentlastung zum Jahresbeginn 2026 war deshalb eine wichtige Entlastung. Dennoch bleibt Energie ein erheblicher Teil der Betriebskosten. Traktoren, Erntemaschinen, Trocknung, Kühlung, Transporte und viele weitere Arbeitsgänge lassen sich nicht einfach reduzieren, wenn Lebensmittel erzeugt werden sollen. Auch bei Düngemitteln bleibt die Lage schwierig. Gerade Stickstoffdünger reagieren stark auf Energiepreise und internationale Märkte, noch mehr auf internationale Krisen. Das belastet die Betriebe sehr, zumal Veränderungen oder gar Besserungen nicht voraussehbar sind.

Sehr groß ist die Belastung in den arbeitsintensiven Sonderkulturen. Ohne Saisonarbeitskräfte könnten große Teile der Ernte unserer Gemüse-, Obst- und Weinbaubetriebe nicht eingebracht werden. Seit Anfang dieses Jahres beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 €/Stunde und 2027 steigt er weiter an. Gute Arbeit muss gut bezahlt werden, das steht außer Frage. Aber wir müssen zugleich darüber sprechen, wie diese Lohnkosten von den Betrieben am Markt erwirtschaftet werden können. Ein höheres Kostenniveau funktioniert nun einmal nicht, wenn unsere heimische Produktion einem Preis- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt wird, bei dem die Kosten eben nicht weitergegeben werden können. Unsere Sonderkulturbetriebe konkurrieren auf europäischen und internationalen Märkten mit Regionen, in denen andere Lohnkosten und andere Produktionsbedingungen herrschen. Gleichzeitig treffen sie auf einen Lebensmitteleinzelhandel, der unsere Produkte für Preiskämpfe nutzt. Wenn unsere Betriebe immer höhere Standards erfüllen und höhere Kosten tragen sollen, muss es auch eine realistische Möglichkeit geben, diese Leistungen am Markt zu honorieren, sonst verlieren wir schrittweise genau jene vielfältige Landwirtschaft, die politisch und gesellschaftlich so häufig eingefordert wird und für unsere Kulturlandschaft von so großer Bedeutung ist. Das gilt auch für unsere Ackerbau- und Tierhaltungsbetriebe, die mit hohen Kosten, schwankenden Märkten und Unsicherheiten kämpfen müssen. Investitionen in Tierwohl, Klima- und Umweltschutz, moderne Technik oder neue Stallkonzepte benötigen Kapital und Verlässlichkeit.

Faire Wettbewerbsbedingungen

Als Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau fordern wir unablässig, dass die Landwirtschaft keine Sonderrolle, aber faire Wettbewerbsbedingungen benötigt. Unsere Familienbetriebe müssen von ihrer Arbeit leben können. Wer regionale Lebensmittel, gepflegte Kulturlandschaften, Tierhaltung vor Ort, Weinbau in unseren Flusstälern und wirtschaftende Familienbetriebe erhalten will, muss auch die ökonomische Grundlage dafür sichern.

Wir wollen konkrete Verbesserungen erreichen: weniger Bürokratie, verlässliche Regeln, faire Wettbewerbsbedingungen, mehr Planungssicherheit und politische Entscheidungen, die sich an der Realität auf unseren Höfen und in unseren Weinbergen messen lassen. Der Kampf für bessere Bedingungen ist hart und benötigt viel Geduld. Deshalb gehört Beharrlichkeit zu unserer Arbeit. Wir werden weiter deutlich machen, dass Ernährungssicherung, heimische Landwirtschaft und vitale ländliche Räume Menschen brauchen, die Verantwortung in gesicherten Rahmenbedingungen übernehmen.

Bei all den wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen sollten wir an Erntedank auch auf das sehen, was uns trägt. Landwirtschaft ist Gott sei Dank mehr als eine Bilanz aus Kosten und Erlösen. Sie ist Verantwortung für Boden, Tiere, Pflanzen und kommende Generationen. Sie verbindet Familien und Dörfer, prägt unsere Landschaften und schafft Heimat. Gerade in unserem Verbandsgebiet sehen wir jeden Tag, wie eng Landwirtschaft, Weinbau und ländliches Leben miteinander verbunden sind. Dazu gehört das starke Miteinander im Berufsstand. Unsere LandFrauen leisten einen unschätzbaren Beitrag in Familien, Betrieben, Dörfern und Verbänden. Sie bringen Fachwissen, Organisationstalent und gesellschaftliches Engagement ein und sind tragende Kräfte unserer ländlichen Räume. Unsere Landjugend zeigt, dass junge Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, neue Wege zu gehen und Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Dieser Gestaltungswille macht Mut.

Mein Dank gilt allen, die sich in unseren Betrieben und ehrenamtlich im Berufsstand engagieren, den Familien, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Saisonarbeitskräften, LandFrauen und Landjugendlichen. Viele von Ihnen leisten mehr, als Außenstehende wahrnehmen – an Wochenenden und Feiertagen, bei Hitze, Regen und Kälte. Erntedank erinnert uns daran, dass wir planen, investieren, säen, pflanzen, pflegen und arbeiten können, aber am Ende haben wir nicht alles in der Hand. Das Wetter, die Natur und viele äußere Umstände setzen uns Grenzen. Gerade deshalb ist Dankbarkeit keine altmodische Haltung. Sie ist Ausdruck von Bodenständigkeit und von Respekt vor dem, was uns anvertraut ist.

An Dieser Stelle danke ich Ihnen allen für Ihre Arbeit, Ihre Ausdauer und Ihre Verbundenheit mit unserem Berufsstand. Seien wir dankbar für die Ernte, die eingebracht werden konnte. Schauen wir zugleich mit Mut nach vorne. Für die kommende Vegetationsperiode wünsche ich Ihnen gute Wachstumsbedingungen, ausreichend Regen zur richtigen Zeit, Sonne dann, wenn sie gebraucht wird, gesunde Bestände und faire Preise. Vor allem wünsche ich uns allen die Gesundheit und Zuversicht, die wir brauchen, um unsere Zukunft weiter zu gestalten.

Marco Weber
Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau