Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

08.09.2017 - Landesbauerntag 2017

Dr. Jens Schaps, der Abteilungsleiter der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission erklärte u.a. die möglichen Auswirkungen des Brexit für die Finanzierung der EU-Agrarpolitik und den Stand der Diskussion in der Europäischen Union.

Gemeinsame Agrarpolitik bleibt Kernstück der europäischen Politik

Koblenz. Der Abteilungsleiter der Generaldirektion Landwirtschaft in der EU-Kommission, Dr. Jens Schaps, erläuterte die grundsätzlich positive Haltung der europäischen Bevölkerung gegenüber der Europäischen Union. Die Präsidentschaftswahlen in Österreich, die niederländischen sowie die französischen Parlamentswahlen hätten den europafeindlichen Tendenzen die „rote Karte“ gezeigt.

Das Kernstück der europäischen Politik bleibe die gemeinschaftliche Agrarpolitik. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker stehe den Landwirten positiv gegenüber. So kritisiere er u.a., dass Mineralwasser teurer als Milch sei. Die Landwirtschaft in der EU produziere Rohstoffe mit einem Gesamtwert von über 500 Milliarden Euro. Die Erzeugerpreise für Milch seien in einem Jahr um ca. sieben Cent pro Liter gestiegen. Auch die Schweinepreise hätten mittlerweile ein erfreuliches Niveau erreicht und selbst die Erzeugerpreise für Getreide seien akzeptabel. Die Landwirtschaft in der EU werde somit 2017 ca. sieben bis acht Milliarden Euro mehr erlösen als noch im Jahr davor. Neun Millionen landwirtschaftliche Betriebe und 60 Millionen Beschäftigte gebe es in der europäischen Agrarwirtschaft.

Mitteleuropa sei ein klimatisches Gunstgebiet. Hier würden bester Weizen, die beste Braugerste und viele weitere Agrarprodukte produziert. Außerdem stoße diese Gunstlage auf bestens ausgebildete landwirtschaftliche Unternehmer. Somit sei gerade Mitteleuropa und damit auch die Europäische Union international wettbewerbsfähig. Auch dürfe nicht unterschätzt werden, dass in der EU die öffentliche Verwaltung funktioniere. Ein hohes Qualitätsniveau treffe auf beste strukturelle Einrichtungen. Dies sei ein klarer Wettbewerbsvorteil. Trotz dieser positiven Bestandsaufnahme gebe es aber auch Konflikte zwischen einer intensiven und extensiven Landwirtschaft, zwischen der West- und Ostförderung, der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft und zwischen Umwelt- und berufsständischen Organisationen. Die Umweltverbände benötigten die Landwirtschaft zur Umsetzung ihrer Ziele, trotzdem stünden in den nationalen Medien die Landwirte schlechter da als die Umweltorganisationen.

Zum Brexit erklärte Schaps, dass bei einem harten Ausstieg aufgrund der vielfältigen Verflechtungen, die es zwischen der EU und Großbritannien gebe, große Verwerfungen nicht zu verhindern seien. Großbritannien sei mit neun Milliarden Euro ein wichtiger Nettozahler in der Union. Diese Summe müsse künftig ausgeglichen werden. Die Diskussionen auf EU-Ebene würden aber nur sehr zäh laufen. Dabei seien viele landwirtschaftliche Unternehmen von den Finanzmitteln und vor allem der ersten Säule abhängig. In der EU lebten die Rindfleischerzeuger mit 92 Prozent von den Direktzahlungen, bei Schafen- und Ziegenhalter seien es 61 Prozent und bei Ackerbaubetrieben 56 Prozent. Selbst die Milchviehbetriebe erhielten durchschnittlich 42 Prozent ihres Einkommens über die Direktzahlungen. Die zweite Säule werde hingegen nicht optimal genutzt und auch nicht voll ausgeschöpft. Dabei seien Umwelt- und Klimamaßnahmen über diese Säule abzufangen. Ohne Einkommensstützung wären die meisten landwirtschaftlichen Unternehmen wirtschaftlich nicht erfolgreich.

Die Europäische Union müsse sich nun intensiver mit den Märkten auseinandersetzen. Genügten die Instrumente, die ihr zur Stabilisierung der Märkte zur Verfügung stünden aus? Könnten sie auch schnell genug eingesetzt werden? Wie lasse sich das individuelle Risikomanagement auf den Betrieben verbessern und seien Erzeuger- und Ernährungswirtschaft flexibel genug, um auf veränderte Marktsituationen reagieren zu können? Brauche die Landwirtschaft ein generelles Einkommensversicherungssystem? Eine weitere Grundfrage sei, ob die landwirtschaftliche Erzeugung ausreichend an den Prinzipien der Nachhaltigkeit orientiert sei. Viele Fragen seien seitens der EU noch zu lösen. Die Zeit dränge, zumal es ein Grundproblem im Generationswechsel gebe. Lediglich sechs Prozent aller Betriebsleiter seien jünger als 35 Jahre, 55 Prozent seien hingegen älter als 55 Jahre. Es zeichne sich folglich ab, dass der Strukturwandel in Europa so schnell weiter gehen werde wie bisher.

Die Zukunft der Landwirtschaft liege im Welthandel. Die Nachfrage in Europa stagniere, während ein Wachstum auf den Märkten der Drittstaaten abzusehen sei. Die klassischen Schwellenländer seien auch künftig wichtige Abnehmer der europäischen Agrarprodukte. Der Binnenmarkt müsse aber weiterhin als „Rückgrat der Landwirtschaft“ gepflegt werden. Trotz aller Expansionsbestrebungen dürfe nämlich nicht vergessen werden, dass lediglich 10 Prozent der Agrarprodukte exportiert würden. Es gelte die Flächenproduktivität zu steigern, zumal gleichzeitig aufgrund des Klimawandels weltweit die nutzbaren Agrarflächen abnehmen würden. In Europa müsse der Dialog mit den Umweltorganisationen und den Steuerzahlern intensiver geführt werden, um ihnen diese Zusammenhänge verständlich zu machen.

David Engel, Landwirt aus Hetzerath bei Wittlich, sprach während des Bauerntages über die Perspektiven der Erzeuger und erläuterte am Beispiel seines Betriebes die Möglichkeiten, die einem Unternehmer zur Verfügung stünden. Mit 120 Milchkühen habe er einen Weg für seinen Betrieb gesucht, der ihm mehr wirtschaftlichen Spielraum biete: „Wenn ich mit einem anderen Weg schneller voran komme, als im Stau zu stehen, biege ich ab“, erklärte Engel. Als Direktvermarkter habe er sowohl besseren Kontakt mit der Öffentlichkeit als auch mehr Vermarktungsmöglichkeiten. Seit April 2015 arbeiteten er und seine Familie an der Umsetzung ihres „Direktvermarktertraums“. So hätte die gesamte Familie am Aufbau einer betriebseigenen Molkerei mitgearbeitet. Jede Entwicklung sei dabei ganz bewusst medial begleitet worden. Im Dezember 2016 habe schließlich die Abfüllung der Milch und einige Zeit später auch deren Veredelung zum Jogurt begonnen.

Bei ihm habe jeder Kunde die Möglichkeit, seinen Stall und somit seine Produktion zu besuchen. Auch die Medien seien aufgerufen, jederzeit auf seinen Betrieb zu kommen. Er stünde noch am Anfang der Direktvermarktung, er zeigte sich aber sehr zufrieden über die Nachfrage nach seinen Produkten. So habe er bereits nach knapp einem Jahr eine ansehnliche Vermarktungsstruktur aufgebaut. Die Verbraucher honorierten, dass die Erzeugung und Vermarktung der Produkte seines Betriebes absolut transparent seien. So habe er sich dem Spannungsfeld zwischen Regionalität und globalen Wettbewerb entzogen und sich für eine zunehmende Bestückung des regionalen Marktes entschieden. Damit wolle er sich von der absoluten Spezialisierung befreien und verschiedene Möglichkeiten zum Absatz seiner Produkte nutzen.

Betriebsleiter David Engel erläuterte anhand seines Betriebes die Möglichkeiten, die sich aus der Direktvermarktung für das jeweilige landwirtschaftliche Unternehmen ergeben können.