Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

28.02.2017 - Intrigen gegen Obstbauberatung

Obstbauern kämpfen für Kompetenzzentrum Klein-Altendorf

Klein-Altendorf. Die Obstbauern aus ganz Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kämpfen für den Erhalt des Beratungs-, Forschungs- Lehr-, und Versuchsstandortes für Gartenbau in Klein-Altendorf. Nach der Entscheidung der Landesregierung gegen die Verlängerung der Pachtverträge nach 2024 ist die Existenz des Obstbauzentrums in Klein-Altendorf gefährdet. Die Regierung hat auf der Basis eines einseitigen und fehlerhaften Berichtes des Landesrechnungshofes reagiert, der die Pachtaufhebung empfohlen hat. Der Rechnungshofbericht kann jedoch nur das Ergebnis von Informationen sein, die dem Rechnungshof mitgeteilt wurden.

Die Arbeitsgemeinschaft Obstbau sowie weitere Vertreter der Obstbauern aus Rheinland-Pfalz Süd und Nordrhein-Westfalen haben sich einstimmig für den Erhalt des Kompetenzzentrums in Klein-Altendorf ausgesprochen. Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Michael Horper, betonte, dass das Kompetenzzentrum innovativ und auf die Zukunft ausgerichtet sei. Daher sei die Wertschätzung der Praktiker sehr hoch. Das Zusammenspiel zwischen Versuchswesen, Forschung und Beratung sei einzigartig in Deutschland. In Klein-Altendorf würden sich die Fachleute der Universität Bonn, der Landwirtschaftsverwaltung Rheinland-Pfalz, des Forschungszentrums in Jülich sowie der Landwirtschaftskammer in Nordrhein-Westfalen fachlich austauschen, wovon gerade die Praktiker profitieren würden. Der frühere Landwirtschaftsminister Hans-Arthur Bauckhage habe den Ausbau dieses Zentrums forciert, um die Zukunft des Obstbaus in Rheinland-Pfalz zu sichern. Selbst Staatssekretär Dr. Thomas Griese sei begeistert von diesem Zentrum. Staatssekretär Andy Becht spreche von einem Silicon Valley für Rheinland-Pfalz. Hierfür sei Klein-Altendorf das beste Beispiel. Horper: „Den Standort geben wir nicht auf! Wir werden ihn mit Klauen und Zähnen verteidigen.“

Dr. Ulrike Gossen vom Landwirtschaftsministerium hat zuvor über die Entscheidung der Landesregierung informiert und darauf hingewiesen, dass das Ende der Pachtverträge nicht zwangsläufig das Ende des Standortes Klein-Altendorf bedeuten müsse. Das Land habe auf die angespannte Haushaltslage und den geforderten Abbau von 106 weiteren Stellen in der Agrarverwaltung reagiert. Ihr liege selbst daran, den Standort aus fachlichen Gründen zu erhalten. Einen Standort mit vier Partnern und einem bilateralen Vertrag mit der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen könne nicht einfach aufgeben werden. Schließlich werde die Fachkompetenz in Klein-Altendorf nachgefragt. Die Obstbauern aus der gesamten Region profitierten vom Zusammenspiel zwischen Forschung, Versuchswesen und Beratung.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Obstbau, Norbert Schäfer, erläuterte, dass die Entscheider für Klein-Altendorf vor 14 Jahren genau gewusst hätten, welche Zukunftsperspektiven dieser Standort für ganz Westdeutschland habe. Dass er jetzt fallen solle, weil es Menschen gebe, die auf ihr „Kirchturmdenken“ beharren, könne er nicht verstehen. Jetzt seien Gespräche mit Entscheidungsträgern zu führen. Die Spitzenberatung für die rheinland-pfälzischen Obstbaubetriebe müsse erhalten bleiben. Auch die Ausbildung der Obstbauern sei vorbildlich. So gebe es nur hier ein drittes Lehrjahr für Obstbauern. Die Obstbauern seien europaweit unterwegs und hätten einen größeren Weitblick als so manche Entscheider in Rheinland-Pfalz.

Georg Boekels, stellv. Vorsitzender des Provinzialverbandes machte deutlich, dass sich die Standorte in Auweiler, Klein-Altendorf und Oppenheim gegenseitig ergänzen würden. Die einzelnen Standorte hätten sich spezialisiert, wodurch die Obstbauern in ganz Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen profitieren würden. Durch die Herausnahme von Klein-Altendorf aus dem Versuchs- und Beraterverbund würde das gesamte Netzwerk der Obstbauberatung in Westdeutschland zusammenbrechen. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Entscheider über die Pachtverträge einen Einblick in dieses Netzwerk hätten. Auch im Landesrechnungshofbericht sei hierüber nicht berichtet worden.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises Obstbau in Ahrweiler, Bruno Müller, kritisierte ebenfalls den Bericht des Landesrechnungshofes scharf. Er könne ihn in keiner Weise nachvollziehen. Klein-Altendorf sei in Europa der zentrale Standort für die Kernobstberatung und -forschung. Fachleute aus der ganzen Welt besuchten Klein-Altendorf, um sich hier zu informieren. Es stehe den Berichterstattern des Rechnungshofes nicht zu, die Kompetenz in Klein-Altendorf anzuprangern. Vielmehr sehe er Einflüsse von Personen aus der Pfalz, die bewusst falsche Informationen gestreut hätten, die sich schließlich im Rechnungshofbericht wiederfänden. Obst- und Gemüseversuche im Bericht miteinander zu vergleichen, sei fachlich absurd, zumal die Obstbauflächen viel höhere Investitionen benötigen würden als im Gemüsebau. Auch zweifle der Rechnungshof den Schulstandort an, obwohl hier Spitzenfachleute für den Obstbau ausgebildet würden. Nicht ohne Grund hätten sich die rheinhessischen Jungobstbauern für den Erhalt des Standortes in Klein-Altendorf ausgesprochen.

Der Vorsitzende der Fachgruppe Obstbau im Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd, Ludwig Schmitt, betonte dass alle Obstbauern in Rheinland-Pfalz an einem Strang ziehen müssten. Die Beratung dürfe nicht weiter reduziert werden. Auch die Pfälzer Jungbauern hätten sich einstimmig für den Erhalt des Standortes in Klein-Altendorf ausgesprochen. Sie seien entsetzt über diese politisch einseitige und unfachliche Entscheidung. Die Fachinformationen für die bäuerlichen Hofläden kämen hauptsächlich aus Klein-Altendorf. Eine Schließung dieses Standortes hätte fatale Folgen für die obstbaulichen Strukturen im Rheinland und in ganz Rheinland-Pfalz.

Dr. Norbert Lauen, Abteilungsleiter des DLR Rheinpfalz gab zu bedenken, dass für eine künftige Finanzierung des Standortes Klein-Altendorf eine gebührenpflichtige Beratung nicht in Frage käme. Dies würde an gesetzlichen Regelungen, die eine Beratungsgebühr nicht zuließen, scheitern. Lauen zeigte sich überrascht über den großen Konsens für den Erhalt des Standortes Klein-Altendorf. Er sei daher bereit an Lösungsmöglichkeiten mitzuarbeiten, die den Erhalt des Standortes sichern würden.

Die Vertreter aller Kooperationspartner sprechen sich einstimmig für den Erhalt des Standortes in Klein-Altendorf aus

Einen Tag nach der Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Obstbau trafen sich in Klein-Altendorf die führenden Vertreter aller Kooperationspartner, die sich einstimmig für den Erhalt des Standortes Klein-Altendorf aussprachen. Sowohl Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium, Helmut Caspary als auch Dr. Günter Hoos, Leiter des DLR Rheinpfalz, mussten diese unverrückbare Haltung zur Kenntnis nehmen. Prof. Dr. Wolfgang Noga von der Universität Bonn lobte vor allem die Qualität des Versuchswesens. Die Arbeitsteilung der verschiedenen Institutionen ermögliche ein hochwertiges Versuchswesen, auf das alle Kooperationspartner stolz seien. Seit dem Aufbau des Kompetenzzentrums Gartenbau vor 14 Jahren seien dort 97 Diplomarbeiten, 59 Bachelorarbeiten und 28 Doktorarbeiten erstellt worden. Selbstverständlich hätten davon in der Beratung auch die Obstbaubetriebe profitiert. Darüber hinaus hätten dort in dieser Zeit über 100 Praktiker ihren Meister absolviert.

Präsident Michael Horper betonte auch vor den Vertretern der Kooperationspartner den Standpunkt des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau. Das Land Rheinland-Pfalz dürfe seine Obstbauern nicht im Stich lassen. Der Obst- und der Gartenbau seien für Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen von großer Bedeutung. Der Obstbau expandiere in weiten Teilen beider Länder. Diese Entwicklung dürfe bei der Planung der Landeshaushalte nicht ignoriert werden. Das obstbauliche Zentrum Klein-Altendorf sei ein Zukunftsprojekt und müsse vorangetrieben und nicht blockiert werden.

Franz-Josef Schockemöhle von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen erklärte, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. Es müsse eine Lösung für die Zukunft des Standortes gefunden werden. Schließlich habe die Kammer in Auweiler ihre Kernobstversuche zu Gunsten des Kompetenzzentrums in Klein-Altendorf eingestellt. Er sei entsetzt darüber, dass die Verantwortlichen in Rheinland-Pfalz ihre Kooperationspartner übergangen hätten. Der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Obstbau, Herbert Netter, macht deutlich, dass nicht nachzuvollziehen sei, wieso sich ein Land so unzuverlässig verhalten könne. Die Kooperationspartner hätten sich aufeinander verlassen. Mit der Entscheidung, die Pachtverträge nicht zu verlängern, werde das Vertrauen der Kooperationspartner in das Land Rheinland-Pfalz erschüttert. Das Land habe eine Entscheidung gefällt, ohne Rücksprache mit ihren Kooperationspartnern gehalten zu haben. Dies sei beschämend.

Obstbausachverständiger und stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Aus- und Weiterbildung im Obstbau, Dr. Andreas Mager, wies darauf hin, dass die Obstbaubetriebe ein solches Fachwissen hätten, dass sie mit einer mittelmäßigen Beratung nicht mehr einverstanden seien. Daher sei ein Versuchswesen, wie es in Klein-Altendorf durchgeführt werde von allergrößter Bedeutung. Caspary wies darauf hin, dass die Weiterexistenz des Standortes durchaus möglich sei. Als Mieter stehe aber das Land Rheinland-Pfalz nicht mehr zur Verfügung, erklärte er kleinlaut.

Dr. Gerhard Kranz von der BayWa AG stellte fest, dass die BayWa AG eng mit Klein-Altendorf zusammenarbeite. Gemeinsame Forschungsprojekte würden ohne den Standort Klein-Altendorf scheitern. Das sei eine Katastrophe für die Obstbauberatung.

Manfred Kohl von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen erläuterte, wie sehr sich die verschiedenen Kooperationspartner den Strukturen in Klein-Altendorf angepasst und sich der arbeitsteiligen Ausgestaltung des Gesamtsystems unterworfen hätten. Die Forschung und das Versuchswesen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz seien im Obstbau optimiert worden. Dies sei nun in Gefahr.

Alle Beteiligten kamen darin überein, sich im Frühjahr zu treffen, um Perspektiven für die Fortführung des Standorts in Klein-Altendorf zu erarbeiten. Die Teilnehmer zeigten sich verwundert, dass sich das Land Rheinland-Pfalz von einem indiskutabel schlechten Landesrechnungshofbericht zu einer fachlich ungerechtfertigten Entscheidung habe hinreißen lassen.