Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

30.11.2016 - Rheinisch-Nassauische Obstbautagung

Vorsitzender Norbert Schäfer betonte, dass gezielte Pflanzenschutzmaßnahmen für die Erzeugung gesunder Lebensmittel unerlässlich seien. Von links: Dr. Hans-Dieter Stallknecht, Susanne Auhl, Präsident Michael Horper und Günter Hensel.

Pflanzenschutzmaßnahmen für die Zukunft sichern

Mülheim-Kärlich. „Obst- und Gemüsebaubetriebe werden auch in Zukunft gute Chancen haben, sich in der Nähe von Ballungszentren zu etablieren. Obst und Gemüse liegen im Ernährungstrend“, betonte der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Michael Horper, zu Beginn der Rheinisch-Nassauischen Obstbautagung in Mülheim-Kärlich. Um allerdings der Konkurrenzkraft und den Qualitätsanforderungen zu genügen, bedürfe es der hochwertigen Beratung, Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft und im Obstbau. Er plädierte dafür, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Obstbauinstitutionen in Nordrhein-Westfalen zu intensivieren. Der Obstbau im nördlichen Rheinland-Pfalz mache schließlich nicht vor der Landesgrenze Halt. Ein Ausbau des Kompetenzzentrums in Klein Altendorf sei der richtige Weg.

Horper freute sich über das Interesse des neuen SPD-Landtagsabgeordneten Marc Ruland, der Bürgermeister von Mülheim-Kärlich Uli Klöckner und Weißenthurm Georg Hollmann sowie des Kreisvorsitzenden des Verbandes aus Ahrweiler Franz-Josef Schäfer und Dr. Heinzbert Hurtmanns von der Vereinigten Hagelversicherung.

Das Jahr 2016 sei in weiten Teilen der Landwirtschaft und im Weinbau ein Krisenjahr gewesen. Auch die Obstbauern hätten sehr viel aushalten müssen. Es sei zu feucht und über lange Strecken auch zu kühl gewesen. Das Auftreten von Fäulnis und Pilzkrankheiten hätte erhöhte Pflanzenschutzmittelaufwendungen nötig gemacht und am Ende dennoch nur zu einer übersichtlichen Ernte geführt. Das abgelaufene Jahr sollte auch den Gegnern der modernen Landwirtschaft Anlass sein, um ihre Positionen zu überdenken. Schließlich habe es gerade die ökologische Landwirtschaft sehr hart getroffen. Daher seien Maßnahmen zu prüfen, die auch diesen Betrieben künftige Ernten ermöglichen und somit ihre Einkommen sichern.

Obwohl die Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz nur noch ein Drittel der Tiere des Jahres 1950 halte, erweckten diverse Organisationen den Eindruck, als würden die Bauern landwirtschaftliche Flächen verseuchen, Wasser verschmutzen und Tiere quälen. Am Beispiel eines landwirtschaftlichen Betriebes in Koblenz verdeutlichte Horper, mit welchen Mitteln und Aussagen gegen einen Betrieb vorgegangen werde, der letztlich nachgewiesen habe, dass er sowohl ökologisch, ökonomisch als auch tierschützerisch im Optimum liege. Er sei sehr froh darüber, dass dieser Betrieb einen enormen Rückhalt seitens der Bevölkerung und der Berufskollegen erhalten habe. Dies wünsche er sich insgesamt für die Landwirtschaft und rief die Anwesenden dazu auf, sich mit Leserbriefen und Aktivitäten gegenseitig zu unterstützen und zu helfen. Dies gelte auch für einen Betrieb in der Grafschaft, der aufgrund des Baus eines Güllebeckens angefeindet werde, obwohl es gerade einmal die Ausmaße einer Anlage eines modernen Milchviehbetriebes habe: „Dabei möchte der landwirtschaftliche Betrieb Mineraldünger einsparen, den Boden mit Humus anreichern, also die Bodenqualität verbessern, und nach den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft arbeiten. Was diesem Betrieb aber widerfährt ist für einen vernünftig denkenden Menschen und schon gar nicht für einen Fachmann nachvollziehbar. Wir müssen weiterhin unsere Tore öffnen und als Ansprechpartner für die Menschen in unserem Land zur Verfügung stehen.“

Die Globalisierung sei mittlerweile Teil unseres Lebens und wirtschaftlichen Handelns. Viele Konkurrenzprodukte im Obstbau kämen beispielsweise aus der Türkei. Mit deren Lohnkosten und auch mit deren produktionstechnischen Möglichkeiten und geringen Auflagen könnten wir nicht konkurrieren. Daher sei es wichtig, die Regionalität in den Vordergrund zu stellen. Schließlich hätten wir in Deutschland die schärfsten Auflagen vorzuweisen. Wir müssten auch großen Wert darauf legen, unsere Bevölkerung selbst ernähren zu können. Die Politik müsse daher einen Rahmen setzen, der einen sinnvollen Pflanzenschutz und eine Sortenauswahl zulasse, die u.a. den Obstbauern eine wirtschaftliche Zukunft ermöglichen würden.

Der Vorsitzendende der Arbeitsgemeinschaft Obstbau und stellv. Vorsitzende der Bundesfachgruppe Obstbau, Norbert Schäfer, bekräftigte die Anliegen Horpers, die staatliche Beratung zu unterstützen und deren Strukturen zu erhalten. Der hohe Krankheitsdruck und auch die lokalen Hagelschäden hätten die Wirtschaftlichkeit vieler Obstbaubetriebe in diesem Jahr stark beeinträchtigt. Schädlinge wie die Kirschessigfliege hätten ab Mitte Juni große Probleme bereitet. Um die Lücken im Pflanzenschutz zu schließen oder wenigstens zu verkleinern seien weiterhin Notfallzulassungen unabdingbar. Hierfür benötigten die Institutionen, wie der Bundesausschuss Obst und Gemüse, der sich um diese Zulassungen intensiv bemühe, Unterstützung durch die staatliche Beratung, die schließlich neutral und unabhängig sei. Schäfer appellierte an die Landesregierung, die Beratungsleistungen in Rheinland-Pfalz für die landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten und das Kompetenzzentrum Gartenbau in Klein Altendorf weiter zu entwickeln.

Schäfer warb für die öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen der Bundesfachgruppe Obstbau, die in den sozialen Netzwerken für die sinnvollen und notwendigen produktionstechnischen Maßnahmen im Obstbau werbe. Hierfür hätten die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland freiwillig 60.000 Euro aufgebracht. Die Aktion werde auch im Jahr 2017 fortgesetzt werden.

Für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels gelte nicht mehr das Risiko-, sondern das Vorsorgeprinzip, kritisierte Günter Hensel vom rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium. Somit hätten sich die Zulassungsvoraussetzungen enorm verschärft. Um eine Genehmigung für einen Wirkstoff zu erhalten, müsse geprüft werden, inwieweit er krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsstörend sei. Darüber hinaus werde sein Einfluss auf den Hormonhaushalt sowie seine natürliche Abbaubarkeit geprüft. Insektizide im Obstbau seien von dieser geänderten Zulassungspraxis in besonderem Maße betroffen. Realitätsferne Anforderungen an die Fallstudien führten sogar dazu, dass die Firmen kaum mehr bereit seien, Zulassungsverfahren für Sonderkulturen durchzuführen.

Die EFSA habe eine Leitlinie zur Risikobewertung für Bienen erarbeitet, die aber bisher von der Europäischen Union noch nicht verabschiedet sei. Der Zeitplan zur schrittweisen Umsetzung der Leitlinie werde noch festgelegt. Die Leitlinie zur Verringerung der Betroffenheit von Anwendern, Arbeitern und Anwohnern sei jedoch für alle Zulassungsanträge von Pflanzenschutzmitteln seit Januar 2016 verpflichtend.

Nach Hensel könnten die Einzelstaaten die nationale Zulassung eines Wirkstoffes einfach aussetzen. So könne ein Mitgliedsstaat die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels in seinem Gebiet verweigern, wenn er Grund zur Annahme habe, dass das betreffende Produkt ein Risiko für die Gesundheit von Mensch und Tier oder für die Umwelt darstelle. So sei es für das Umweltbundesamt immer möglich Zulassungen zu verweigern. Weiterhin erläuterte Hensel die Inhalte des Nationalen Aktionsplanes, der die Bekämpfung einzelner Schaderreger zum Ziel habe. Berücksichtigt würde auch die Bekämpfung der Kirschessigfliege und der Kirschfruchtfliege als wichtige Schädlinge im Obstbau.

Der Geschäftsführer des Bundesausschusses Obst und Gemüse, Dr. Hans-Dieter Stallknecht referierte über den Stand hinsichtlich der Möglichkeiten der Lückenindikation und des Resistenzmanagements. Das „Verbundvorhaben Lückenindikation“ trage der Deutsche Bauernverband mit. Das Verbundvorhaben recherchiere die europaweit zugelassenen Bekämpfungsmöglichkeiten gegen die Kirchessigfliege, die Kirchfruchtfliege sowie gegen den Apfelblütenstecher, Blatthornkäfer, Dickmaulrüssler und viele weitere tierische Schädlinge. So würden Grundzulassungen, Aufwandmengen, Abstandsauflagen sowie Wiederbetretungsfristen u.a. recherchiert. Dies erleichtere die Zulassung im Rahmen einer Lückenindikation. 90 Prozent der Notfallzulassungen für Lückenindikation im Obstbau beantrage mittlerweile der Bundesausschuss Obst und Gemüse. Somit trage der Berufsstand selbst intensiv zur Entschärfung der sonst desolaten Situation bei den Bekämpfungsmöglichkeiten von Schädlingen in Sonderkulturen bei.

Susanne Auhl, die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Integrierter Obstbau Rheinland-Pfalz (AGIO), erläuterte die Ergebnisse des QS-Rückstandsmonitorings 2016. Sie machte deutlich, dass 94 Prozent der im Monitoring untersuchten deutschen Äpfel weniger als 10 Prozent der zulässigen Rückstandshöchstmenge aufwiesen. Die zulässige Rückstandshöchstmenge sei von keiner einzigen Probe überschritten worden.

Ein Unternehmen im Lebensmittelhandel erlaube maximal vier nachweisbare Wirkstoffe im Obst. Dies sei in befallsstarken Jahren häufig nur schwer zu erreichen. Je nach Kultur gebe es einen größeren Anteil an Proben mit mehr als vier Wirkstoffen. Diese würden in der Regel aber nur in sehr geringer Menge nachgewiesen. Hier spiele die Genauigkeit der Untersuchungsmethodik eine große Rolle. Daher würden vermutlich in Zukunft noch mehr Spuren anderer Wirkstoffe nachgewiesen werden. Insgesamt zeigte sich Auhl aber sehr zufrieden über die geringen nachgewiesenen Wirkstoffmengen im untersuchten Obst in Rheinland-Pfalz.

Abschließende forderte Vorsitzender Norbert Schäfer die Obstbauern auf, verstärkt auf die Mitbürger zuzugehen und ihnen die Arbeit in den Plantagen zu erläutern. Kritik basiere oftmals auf Unwissenheit. Auch Pflanzenschutzmaßnahmen würden zumindest auf Verständnis stoßen, wenn der Anlass und die Notwendigkeit dargelegt würden.

Vertreter aus Landes- und Kommunalpolitik sowie aus der Versicherungswirtschaft informierten sich über die aktuelle Pflanzenschutzpolitik und über die Zulassungsengpässe, unter denen die Obstbauern zu leiden hätten. Von links: Uli Klöckner, Georg Hollmann, Franz-Josef Schäfer, Dr. Heinzbert Hurtmanns und Marc Ruland (MdL).